Blick zurück, Blick nach vorn – ein Plädoyer.

Ein Blick auf zwölf Jahre Kunst- und Kultur in Stuttgart
Am Stuttgarter Nordbahnhof ist in den letzten zwölf Jahren eine Kunst – und Kulturszene entstanden, die vielen Stuttgarter Bürgerinnen und Bürgern ans Herz gewachsen ist. Sehr lange sind die Waggons im Schatten des Rampenlichts gestanden. Unbehelligt von Normierungsdruck und kommerziellen Interessen hat sich hier ein Freiraum entwickelt, der die Grundlage jener räumlichen und schöpferischen Freiheiten bietet, die Voraussetzung ist für die Entstehung künstlerischer Prozesse und die Umsetzung kreativer Konzepte. So haben sich die Waggons und das umliegenden Gelände schrittweise zu einem Testfeld für architektonische und künstlerische Realisierungen, zu einem Labor für plastische Installationen und flüchtige Interventionen entfaltet.

Die aufblühenden Beziehungen zu den Menschen im Nordbahnhofviertel, das stets größer werdende Interesse der Stuttgarter Kulturszene und die wachsenden Publikumszahlen bei Veranstaltungen auf dem Areal haben die Künstler und Künstlerinnen an den Waggons bestärkt und ihnen Rückhalt in Bezug auf ihre Tätigkeiten vermittelt. Für viele Menschen sind die Waggons der lebende Beweis dafür, dass auch in Stuttgart selbstbestimmtes, kreatives Arbeiten und Leben keine Utopie sein muss. Bis zuletzt. Denn mit der Räumungsaufforderung der Bahn und der Erkenntnis, dass es scheinbar kaum noch Ersatzmöglichkeiten mit ähnlichen Gegebenheiten gibt, ist diese Perspektive nicht nur bei den Akteuren an den Waggons, sondern bei vielen Stuttgartern der Sorge über die Zukunft des künstlerischen und kulturellen Potentials gewichen.

Raum für Kultur
Wo und in welchem Rahmen sollen die MusikerInnen, RegisseurInnen, FotografInnen, FigurenspielerInnen, Ideen-ArchitektInnen, Performance-KünstlerInnen, SchauspielerInnen, VeranstalterInnen und MalerInnen in Zukunft an der kulturellen Bereicherung dieser Stadt mitwirken? Wo sollen in Zukunft selbstbewusst Ausstellungen, Konzerte, Festivals, Theateraufführungen, Performances, Workshops, Tanzvorführungen, Zirkusveranstaltungen und Kunstmärkte veranstaltet werden?

Der Mangel an großen, verfügbaren gewerblichen Freiflächen ist in Stuttgart naturgemäß bedingt durch ortsspezifische Gegebenheiten, wie z.B. die Kessellage mit relativ dichter Besiedlung.Der Anspruch auf bezahlbare Atelierflächen zwingt Künstler und Künstlerinnen häufig zu Mietverträgen im Rahmen von sogenannten Zwischennutzungen oder Interimslösungen.

Häufige Kündigungen oder Raumwechsel bedeuten für AteliermieterInnen und Kulturschaffende oft, wiederholt bei Null anfangen zu müssen. Lange Produktivitätspausen oder die Unterbrechung laufender Arbeitsprozesse sind die häufige Folge und nicht selten Ursache wirtschaftlicher Einbußen.

Auch wenn diese Faktoren in der Vergangenheit schon häufig zum Austrocknen des einen oder anderen wertvollen Kulturangebots in Stuttgart geführt haben, kann dieser Metabolismus auch positiv für die Vitalität einer Kulturlandschaft gewertet werden. Eine Szene, die gezwungen ist, sich neu zu erfinden, läuft nicht Gefahr, zu stagnieren. Gerade einer Kunst- und Kulturszene, die von Agilität und ständiger Metamorphose geprägt ist, wird eine gesteigerte Attraktivität nachgesagt.

Schwinden die Flächen jedoch vollends, werden die Folgen dieser Rahmenbedingungen für Kunst- und Kulturprojekte virulent. Die Konsequenz für Akteure ist häufig die Abwanderung in Städte mit besseren Bedingungen größeren Freiräumen für die künstlerische Arbeit.
Der Effekt der Abwanderung des, teilweise teuer ausgebildeten, eigenen Kreativ-Fundus in Städte mit bezahlbaren Atelierflächen, Werkstätten und Proberäumen ist keine hohle Drohung, sondern immer wieder belegbare und traurige Realität in Stuttgart geworden. Das Resultat für die Kulturszene der Stadt bedeutet langfristig eine geminderte Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich mit anderen Städten, die das Prädikat „kulturell und sozial ausgewogen“ für sich verbuchen wollen.

Allgemeine Bedürfnisse und Vorhaben

Raum und Nutzung
Erfahrungsgemäß gibt es einen großen Bedarf an Flächen zur Realisierung von Außeninstallationen und plastischen Arbeiten. Weder Kreativer Antrieb noch künstlerische Inspiration richten sich nach den gesetzlichen Verordnungen zur Ruhestörung. Dementsprechend sind die Grundlagen künstlerischen Schaffens auf dem Gelände ein ausreichendes Maß an Platz und die Möglichkeit rund um die Uhr Prozesse vorantreiben zu können. Eine Einbettung in ein industrielles Umfeld scheint daher sinnvoll.

Freiheiten
Weiterhin muss die relativ unbürokratische Möglichkeit zur Geländegestaltung gegeben sein – die letzten Jahre am Nordbahnhof geben hier ein hervorragendes Beispiel ab.

Veranstaltungen
In den letzten Jahren hat sich der Bauzug viele Freunde mit nicht-kommerziellen Veranstaltungen im vereinsrechtlichen Rahmen gemacht. Mehrere Vorführungen des Cirkus Tukovskaja, Lesungen, regelmäßige philosophische Seminare, Theater-Aufführungen, Konzerte, Musik- und Kunstfestivals sind nur ein kleiner Ausschnitt aus einer breiten Fülle von erfolgreichen Veranstaltungen der letzten Jahre. Die Möglichkeiten zur Fortführung dieser Veranstaltungskonzepte muss auf einem neuen Areal gegeben sein.

Festivals
Zusätzlich zu den regelmäßig stattfindenden mehrtägigen Festivals „YARD-Festival“, dem „Frühlingsfest“ und dem jährlichen Kunstweihnachtsmarkt „Winterleuchten“ sind die Planungen zu einem Festival für Videokunst – und Visuals relativ weit fortgeschritten und warten auf ihre Realisierung.

Jugendarbeit
In Kooperationen mit Projekten aus der Jugendarbeit wurden in den letzten Jahren erste Erfahrungen auf dem Gelände gesammelt.
Bereits 2006 gab es erste gemeinsame Anläufe mit dem Projekt „Hip Hop Exchange Los Angeles – Stuttgart“ in Zusammenarbeit mit dem Stadtjugendring. 2007 folgten Tanzaufführungen von Jugendlichen der „New York City Dance School“

In jüngerer Vergangenheit ist die erfolgreiche Durchführung von Workshops und Vorstellungen des „Circus Culture 4 Europe 2010“ in Zusammenarbeit mit dem Kinder – und Jugendhaus Helene Degerloch, dem Kinder – und Jugendhaus Fasanenhof, dem Kindertreff Botnang, dem Stuttgarter Jugendhaus gGmbH und dem Circus Circuli anzuführen. Fünfzig Jugendliche aus vier europäischen Ländern konnten hierbei die paradiesischen Gegebenheiten an den Waggons samt der Manege und Tribüne für mehr als 200 Zuschauer nutzen.

In Zukunft soll die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen weiter ausgebaut werden. Eine aktive Zusammenarbeit mit Initiativen aus dem Umfeld des neuen Standorts ist selbstvertändlich Teil dieses Konzepts.

Quantensprung nach vorn
Die scheinbar aussichtslose Suche nach Lösungen unter hohem Zeitdruck und der eingeschränkte Möglichkeiten-Horizont für das Projekt Bauzug 3YG im Zusammenhang mit den zuvor geschilderten Prozessen, haben innerhalb des Projekts zu einem Umdenken bei vielen Bauzug-Mitgliedern geführt. Der Fortbestand von niederschwelligen Kulturangeboten scheint von der Anpassung an sich ständig ändernde Rahmennutzungspläne und agile Stadtentwicklungen abhängig zu sein. Dieser Erkenntnis tragen die Bemühungen Rechnung, welche Eingang in unsere Konzeption für die Zukunft des „Bauzugs 3YG“ gefunden haben. Um weiterhin kostengünstige Atelierräume nutzen und Veranstaltungsflächen bespielen zu können, bedarf es in erster Linie einer gesteigerten Flexibilität in Bezug auf Mietvertragslaufzeiten. Die Frage, wie diesem Anspruch entsprochen werden kann, ohne dabei zum heimatlosen Ateliermietnomaden zu avancieren, stand bei den Überlegungen im Vordergrund.

Kultur im Containerformat
Ausgangspunkt unserer Überlegungen war der Wunsch nach Erhaltung der geschaffenen Räumen, bei gleichzeitiger höherer Flexibilität. Dem steht der Irrtum bezüglich der Mobilität von alten Atelierwaggons gegenüber, die sich zwar prinzipiell bewegen lassen, deren Transport jedoch teuer oder baurechtlich kritisch ist. Die Frage nach einer mobilen Architektur ist nicht neu. Aktuell ist die Wahrnehmung diesbezüglich von der sogenannten Container-Architektur geprägt, welche vielseitige Möglichkeiten für unterschiedlichste Belange bietet. Mit ISO-genormten Containern sind vergleichsweise kostengünstige, wirtschaftliche, ökologische und baurechtlich weitgehend unproblematische Bauweisen zu realisieren. Vor allem aber würde die Verlagerung der Ateliers und Veranstaltungsflächen aus den Waggons in Container eine gesteigerte Flexibilität in Bezug auf Mietvertragslaufzeiten gewährleisten.
Wieso ISO?

  • Die Weiterentwicklung zu einer mobilen Container-Ateliergemeinschaft vereint somit einerseits konservative Gesichtspunkte im Sinne der Erhaltung geschaffener Werte. Andererseits erfüllt sie den Anspruch, innovativen Herausforderungen wie der Auseinandersetzung mit niveauvoller, sozialverträglicher Architektur, designorientierten Umsetzungen und der Möglichkeit, einem facettenreichen Kulturbetrieb zu bewerkstelligen, gerecht zu werden.
  • Ein zukünftiger Umzug der Ateliergemeinschaft ließe sich wesentlich schneller und unkomplizierter bewerkstelligen, als es beim Bauzug 3YG jetzt der Fall ist.
  • Zukunftsfähige neue Konzepte sind im Kontext mit Container- und Modulbauweisen wesentlich einfacher umzusetzen und die Erweiterbarkeit und Modularität des Angebots bleiben dauerhaft erhalten – auch bei potenziellen Umzügen. Die Ansprüche und Bedürfnisse der Künstler und Künstlerinnen an räumliche Gegebenheiten lassen sich im Zusammenhang mit der Möglichkeit in die Höhe zu bauen, auch bei einem eventuell geringeren Platzangebot, gut harmonisieren.
  • Der Austausch und die Kooperation mit ähnlichen Projekten wird durch die hohe Mobilität der Container durch ISO-Standardisierung und kostengünstige Transportmöglichkeiten auf Straße, Bahn und Schiff begünstigt.
  • Die Erfüllung statischer Anforderungen im Sinne des baurechtlichen Verfahrens ist bei Containern durch die ISO-Standardisierung vorhanden. Eine rasches Baurechtsverfahren kann dadurch begünstigt werden.
  • Die Möglichkeit, Container mit einer Frist von drei Monaten auch ohne baurechtliches Genehmigungsverfahren zu nutzen, ermöglicht einen nahtlosen Umzug des Bauzugs 3YG. Laut Baurechtsamt, kann die baurechtliche Genehmigung auch erst im Anschluss erteilt werden.
  • ____

    Möglicher Standort: Güterbahnhof Bad Cannstatt

    Unsere Sondierungen und Anfragen zum Güterbahnhof wurden in den letzten Wochen wiederholt mit dem Verweis auf einen potentiellen, baldigen Baustart und die geplante Verlegung der Benz-Straße abgeschmettert. Die möglichen Mietzeiträume von maximal zwei Jahren am alten Güterbahnhof haben uns in unseren Überlegungen bisher insofern abgeschreckt, dass man den teuren Transport alter, oder den Ausbau neuer Waggons als nicht verhältnismäßig betrachten musste.

    Im Zusammenhang mit dem geschilderten mobilen Container-Konzept sind aber auch am Güterbahnhof Möglichkeiten und Wege zu denkbar, die dem Bauzug ein Vorankommen ermöglicht, ohne für die Stadt in Hinsicht auf Planungsverfahren eine Verzögerungsgefahr darzustellen. Eine Mietvertragslaufzeit von zwei Jahren, ist im Kontext von Container-Architektur-Modellen vorstellbar. Nach Ablauf der Anlaufphase wäre für die Container-Ateliergemeinschaft ein Umzug innerhalb oder außerhalb des Areals denkbar, da Kosten und Aufwand hierbei überschaubar bleiben. Die Tatsache, dass Flächen auf dem Areal des alten Güterbahnhofs noch bis 2017 vermietet sind, lässt darauf
    schließen, dass bestimmte Flächen auch längerfristig verfügbar sein könnten. Das Flächenangebot ist groß. Der Verlegung der Benz-Straße auszuweichen, dürfte grundsätzlich kein unbezwingbares Hindernis darstellen.

  • Die Ansiedlung der Container-Ateliergemeinschaft wird im Falle eines Umzugs an den Güterbahnhof das Viertel kulturell und sozial bereichern.
  • Laut Baurechtsamt handelt es sich um die größte freistehende Gewerbefläche in Stuttgart. Lärmschutzrechtliche Probleme sind laut Aussage des Sachverständigen dort nicht zu erwarten.
  • Der Anschluss mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist gegeben, die Erreichbarkeit für die Künstler und Künstlerinnen und das Publikum ist gut.
  • Auch vom Baurechtsamt wurde die prinzipielle Machbarkeit im Sinne baurechtlicher Bestimmungen signalisiert. Vorhandene, angeschlossene Gleisanlagen würden die nachträgliche Mitnahme eines Waggons aus der Bauzug 3YG-Reihe aus nostalgischen Gründen, sozusagen als Wiedererkennungsmerkmal, grundsätzlich ermöglichen, sofern eine Baugenehmigung erteilt wird.
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    Support Waggons 2.0 !

    Wir haben in den letzten Wochen Ernsthaftigkeit und Zuverlässigkeit in Bezug auf den fortschreitenden Rückbau des Areals am Nordbahnhof bewiesen. Bei der Erarbeitung von Zukunftskonzepten haben wir große Kreativität und Umsetzungskraft aufgezeigt. Das aktuelle Konzept zur Umsetzung eines Kunst – und Kulturareals im Container-Format ist das zweite in zwei Wochen. Wir fordern eine ernsthafte Prüfung der Machbarkeit der angeführten Vorschläge.

  • Unser Anliegen ist ein klares Bekenntnis der Stadt zu kulturellen Projekten wie der Ateliergemeinschaft Bauzug 3YG.
    Die Formulierung eines politischen Willens von Seiten des Gemeinderates ist unabdingbare Voraussetzung für den Erfolg der Bemühungen, das über Jahre gewachsene Potential an den Waggons im Rahmen der geplanten Umstrukturierungen in Stuttgart erhalten zu wollen.
  • Dass ein solcher Entschluss sich nicht in der ideellen Unterstützung erschöpft, sondern in
    konkreten logistischen, materiellen und nicht zuletzt finanziellen Hilfen im vernünftigen Rahmen münden muss ist eine logische Schlussfolgerung.
    Eine solche Unterstützung könnte von der Bahn durch die Bereitstellung von 15 Containern, und von der Stadt durch die Bereitstellung eines Geländes zu einem bezahlbarem Mietpreis und Hilfe bei der Erschließung signalisiert werden. Ob man das Angebot des Bauzugs, weiterhin an Stuttgarts kultureller Bereicherung mitzuwirken, als teure Investition oder als Geschenk ansieht, bleibt eine Frage des politischen Kurses. Über diesen muss sich die Stadt jetzt klar werden.
  • Die Zeit ist knapp. Für uns stellt der nachfolgende Vorschlag eine realistische Möglichkeit für die Einhaltung des zwischen Bahn, Stadt und uns beschlossenen Zeitplans dar. Wir glauben, dass unser Vorschlag auch für Stadt und Bahn ein gangbarer Weg ist.

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